Ankern: Lehrbücher verleiten zur Fahrlässigkeit Wieviel Kette und Leine muss ich wirklich stecken

AnkerschädenAnkerschäden

Das Wissen über richtiges Ankern gehört zu den sicherheitsrelevanten Wissensgebieten für jeden Skipper. Jährlich stranden Schiffe weil sie nicht gut genug verankert sind.
Die einschlägigen Lehrbücher für angehende Skipper könnten das Wissen verbessern, aber gerade dort sind Ankerketten und Leinen oft nur ein Stiefkind.

Angehende Skipper müssen nicht lernen wie man bei spiegelglatter See ankert, sondern was man bei widrigen Bedingungen tut.

In einigen Lehrbüchern stehen sogar unverantwortliche Aussagen über nötige Kettenlängen die zur Fahrlässigkeit geradezu ermuntern. Warum das so ist werde ich hier zeigen. Auch auf das Verhalten des Ankergeschirres bei dynamischer Belastung und die Risken bei steifgekommenen Ketten wird zuwenig higewiesen.
Erfahrene Skipper und einschlägige Zeitschriftenartikeln warnen vor diesen Risken, aber die Lehrbücher schreiben offensichtlich nur voneinender ab.

Ankerschäden

Ankerschäden

Folgende unverantwortliche Aussagen stehen in Lehrbüchern:
Spätestens bei Windstärke 6 oder Wellengang sind folgende Aussagen unverantwortlich:

  • Beim Ankern sollte man eine Kettenlänge von 3-5 facher Wassertiefe verwenden.
  • Die Kette sorgt immer dafür dass der Anker horizontal belastet wird.
  • Ankertrossen haben einen Kettenvorlauf damit der Ankerschaft am Boden bleibt.

Auf folgende Tatsachen sollte mehr hingewiesen werden:
Viel zu wenig wird aufmerksam gemacht auf die entscheidende Rolle der Elastizität und Federwirkung des Ankergeschirres.
Auch auf die Reduzierung der Haltekraft durch Anheben des Ankerschaftes wird zuwenig eingegangen.

  • Ankerketten werden ab einer „kritischen“ Belastung steif . Dies geschieht speziell bei dynamischer Belastung früher als man denkt
  • Anker verlieren mit angehobenem Schaft schnell an Haltekraft
  • Auch Ankerketten heben bei starker Belastung den Ankerschaft vom Grund
  • Ankertrossen werden unterschätzt, sie bleiben aber elastisch auch bei Belastung und Überbelastung
  • Ankertrossen brauchen einen Vorlauf gegen Schamfielen, das Gewicht des Vorlaufes nützt im Ernstfall wenig.
  • Für mehr „Federwirkung“ sind Ankertrossen als Verlängerung von Ketten bei Wellengang anzuraten.

Das sollte in jedem Lehrbuch über Ankern stehen:

Wird der Schaft eines Ankers angehoben, sinkt seine Haltekraft.

Ausbrechen des Ankers ist immer eine Kombination von Zugkraft am Schaft und Anheben oder Verdrehen des Schaftes.

Das gilt für Leinen, bei grossen Lasten auch für Ketten: Weniger als 6 fache Wassertiefe kann zu Abheben von mehr als 10 Grad führen.

Es gibt viele Ankertypen und Ankergründe mit unterschiedlichen Eigenschaften, aber als Faustregel kann man sagen dass ein Anheben des Schaftes um 10 Grad seine KraftverlustHaltekraft um 30% reduziert. Schaut man auf Ankertests dann sieht man dass minus 30% meist schon sehr weh tut.
Ankerleine und Kette heben beide den Ankerschaft an bei Belastung, die Leine sofort, die Kette ab einer gewissen „kritischen“ Belastung.
Wählt man eine Länge von 6 facher Wassertiefe wird der Schaft beinahe um 10 Grad angehoben.

Konstante Belastung der Ankerkette ist weniger gefährlich.

Konstante Belastung des Ankers entsteht meist durch (konstanten) Wind oder Strom. Die Stärke dieser Belastung ist von den Abmessungen und der Form des Schiffes abhängig, nicht vom Gewicht.
Ab welcher Belastung die Kette vom Grund abgehoben ist und beginnt den Ankerschaft abzuheben hängt von gesteckter Kettenlänge und Wassertiefe ab.
Wenn eine Jacht beispielsweise auf 5m Wassertiefe mit 60m (8mm) Kette verankert ist, dann ist die Kette bei 429kp Belastung voll vom Grund abgehoben und beginnt den Ankerschft zu heben. Dies ist ein guter Wert.

Zum Vergleich:
Bei einem 12m langen Segelboot, 30 Grad zum Wind geschwoit, muss man mit folgenden Kräften rechnen:
Beaufort 6 : 200kp
Beaufort 7: 330kp
Beaufort 8: 500kp

Wird die Kette auf 30m verkürzt, sinkt dieser Wert auf nur 105kp, allerdings wird der Ankerschaft auch bei Überlast nicht um mehr als 10 Grad angehoben.

Kettenlinie
Wird die Kette auf 15m verkürzt, also 3 fache Wassertiefe, dann sinkt dieser Wert auf 24kp. Eine Windstärke von weniger als 4Bft genügt um diese Kraft zu erzeugen.
Dazu kommt noch dass bei dreifacher Wassertiefe der Ankerschaft um gefährliche 20 Grad angehoben wird bei Überlast.

Solche Kettenlängen sind unverantwortlich und sollten sicher nicht in Lehrbüchern für angehende Skipper stehen.

Warum stehen in Lehrbüchern zu kleine Werte ?

Lehrbücher haben früher aus Quellen geschöpft die für grössere Schiffe als die heutigen Sportschiffe geschrieben waren.
Das Buch „Leitfaden der Seemannschaft“ wurde beispielsweise 1935 für die Deutsche Marine geschrieben. Darin steht, dass man „bis 20 Wassertiefe“ 80m Kette stecken sollte, also bei 20m die 4- fache Wassertiefe als Kettenlänge.
Lehrbücher für die Sportschiffahrt haben diese 4-fache Kettenlänge übernommen, aber vergessen dass dies die Empfehlung für 20m Wassertiefe war!

Sportschiffe ankern aber selten auf 20m Wassertiefe, und die Auswirkung davon zeigt die untenstehende Grafik:

In den Kästchen dieser Grafik steht das benötigte Kettenlängen / Wassertiefenverhältnis um eine bestimmte Zugbelastung bis Abheben der Kette zu erlauben (hier jetzt für eine 10mm Kette). Man sieht also dass bei 20m Wassertiefe 4-fache Kettenlänge eine Zugbelastung von 300kp erlaubt. Das ist ein Wert der ein Abwettern von 7 Bft eventuell schon erlaubt.
Will man denselben Wert von 300kp bei kleineren Wassertiefen erreichen, dann ist allerdings ein höheres Ketten / Wassertiefenverhältnis nötig. Bei 10m Wassertiefe schon 5,6 fach , bei 5m schon 7,9 fach.

Zugbelastung über Wassertiefe
Grafik „Kettenlänge pro Wassertiefe“

Diese Grafik zeigt auch deutlich dass ein bestimmtes Kettenlängen / Wassertiefenverhältnis immer nur für eine bestimmte Wassertiefe und eine bestimmte maximale Zugbelastung gilt. Daher kann so ein Verhältnis nur mit diesen Bedingungen als Empfehlung dienen.

Bewegt sich das Schiff, dann muss diese Bewegung abgefangen werden.

Wenn die Masse eines bewegten Schiffes abgebremst wird, dann kann ein plötzlicher Ruck entstehen der wesentlich grösser ist als die Haltekraft des Ankers. Dies ist vermutlich die häufigste Ursache für ausgerissene Anker bei Wellen, Dünung oder Windböen.
Da der Anker einen plötzlichen Ruck nicht aushält, muss die Trosse oder Kette vorher die Energie der bewegten Schffsmasse mildern.
Das geschieht bei der Trosse mit der Elastizität, bei der Kette mit dem Gewicht.
Die Energie die abgefangen werden muss ist direkt abhängig von der Schiffsmasse und quadratisch von der Geschwindigkeit mit der das Schiff sich bewegt. Hier spielt bei der Dimensionierung also die Tonnage des Schiffes eine Rolle.

Eine Trosse ist umso elastischer je länger sie ist, daher genügt 6 fache Wassertiefe oft nicht. Zu vermerken ist aber dass eine Trosse mehr Energie aufnehmen kann als eine gleichlange Kette.
Hilfreich ist die Tatsache dass die Trosse ihre Elastizität auch bei Überbelastung beibehält, bis sie reisst.

DiagrammDie Kette ist in diesem Punkt wesentlich gefährlicher: Sie bremst aufgrund ihres Gewichtes zwar die Schiffsmasse teilweise ab, gestreckt ist sie aber so steif wie Stahl. Die restliche Energie der Schiffsmasse wirkt dann ruckartig auf den Anker und belastet ihn sehr stark.
Es ist daher bei der Kette sehr wichtig zu wissen welche Energie oder Schiffsgeschwindigkeit sie aufnehmen kann bevor sie steifkommt. Das wird oft zu optimistisch eingeschätzt.

Eine Jacht, die auf 5m Wassertiefe mit nur 15m Kette verankert ist, bringt die Kette in abgehobene Lage wenn sie mit nur 24cm/sek in diese einfährt. Es genügt die Bugwelle eins Ausflugschiffes oder ein kurzer Windstoss um das zu bewirken.
Ein nur 3 Sekunden (!) dauernder Windstoss von 5 Bft bringt eine Jacht auf diese Geschwindigkeit.

Auch hier zeigt sich wieder dass solche Kettenlängen unverantwortlich sind und sicher nicht in Lehrbüchern für angehende Skipper stehen sollten.

Bei 6-facher Wassertiefe, also 30m Kette, kann die Kette das Schiff nach einem Bft 6 Windstoss von fast 4 Sekunden noch abbremsen ohne steifzukommen. Wenn es aber trotzdem passiert, dann wird der Ankerschaft nicht mehr als 10 Grad angehoben.

Windstoss

Für Windböen von über 6 Bft oder bei unruhiger See ist aber trotzdem die Gefahr des Einruckens sodass auch hier gilt: Mehr als 6:1 ist empfehlenswert.
Setzt man im obigen Beispiel 60m Kette dann wird die aufnehmbare Energie mehr als verdoppelt.

Die „giftige“ Eigenschaft der Kette, nämlich dass sie nach Steifkommen keine Elastizität mehr bietet, ist bei starken Windböen oder Welle / Dünung die grösste Gefahr.
Am besten kann man diese dadurch entschärfen, dass man die Kette mit möglichst viel elastischer Ankertrosse verlängert.

Ankern bei grösseren Wassertiefen und in Tidengewässern:

Bei grösseren Wassertiefen sinkt bei gleicher Kettenlänge die erlaubte Kraft an der Kette, aber es steigt die Energie die sie aufnehmen kann. Die 429kp statische Belastbarkeit von 60m (8mm) Kette auf 5m Wassertiefe sinken bei 10m Wassertiefe auf weniger als die Hälfte.
Trotzdem muss nicht die doppelte Kettenlänge gesteckt werden um wieder die 429kp zu erreichen, sondern nur die 1,4 fache.
Die zu steckende Kettenlänge steigt nur mit der Wurzel aus der Wassertiefe (siehe auch oben stehende Grafik).
Hier zeigt sich wieder dass ein konstantes Verhältnis Kettenlänge zu Wassertiefe als Faustregel unbrauchbar ist.

Anders ist es mit der aufnehmbaren Energie. Diese steigt beispielsweise auf beinahe das Doppelte wenn 60m Kette in 10m Wassertiefe gesteckt werden statt in 5m.
Die Kette muss dann bei Belastung höher gehoben werden, was mehr Energie vernichtet.Daher ist es bei unruhiger See und böigem Wind günstiger auf grösserer Wassertiefe zu ankern.

Tidengewässer ändern ihre Wassertiefe im Verlauf von ca. 6 Stunden. Vor Anker bedeutet das, dass für alle während der Ankerzeit auftretenden Wassertiefen die richtige Ketten- oder Trossenlänge gesteckt werden muss.

Das sollte geändert werden:

Grundsätzlich sollten angehende Skipper lernen wie man bei Windstärke 6+ und / oder Wellengang ankert.

Derzeit steht leider in vielen Lehrbüchern wie man bei glatter See ohne Wind ankern könnte.

Das ist etwa so wie wenn man beim Verheften des Schiffes am Kai schreiben würde: Brustleine von der Mittelklampe genügt!
Verheften

Daher sollte in Lehrbüchern eine von der Wassertiefe abhängige Kettenlänge gelehrt werden laut der Grafik „Kettenlänge pro Wassertiefe“.
Ein Minimum von 6 facher Wassertiefe kann sowohl bei Ketten als auch Trossen ein Abheben des Ankerschaftes auf 10 Grad begrenzen.

Zusätzlich muss auf die Risken hingewiesen werden die bestehen wenn man weniger Kette oder Trosse steckt, sei es aus Platzmangel oder wegen zu kurzer Kette.

Auf die Notwendigkeit von längeren Ketten und Trossen und die Vorteile der Trosse bei ungünstigen Verhältnissen muss ebenfalls hingewiesen werden.6zu1

An alle Lehrenden und Verfasser von Skripten und Büchern sende ich daher den Appell in dieser Angelegenheit verantwortungsvoll zu handeln und nicht bedenkliche Kettenlängen aus anderen Büchern zu übernehmen.

Dieser Appell geht insbesondere auch an die prüfenden Instanzen zum Bootsführerschein: Bitte den Lernzielkatalog und die Prüfungsfragen so auslegen dass überprüft wird ob der angehende Skipper sein Schiff sicher verankern kann.

Harald Melwisch

D.I. Harald Melwisch

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Kategorie Schiff

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